AM BRUNNEN
… am brunnen vor dem tore da steht ein lindenbaum ich träumt in seinem schatten so manchen süßen traum nein das ist nur ein liedtext die träume waren meistens gar nicht so süß eher schrecklich meistens schrecklich zum beispiel der vom ertrinken
nicht schön
aber komischerweise nicht in wilder natur nicht in einem dunklen fluss der mich weggerissen hätte nicht im meer in das ich zu weit hinaus geschwommen wäre und die kraft nicht mehr reichte um zum ufer zurück zu kommen nein der traum vom ertrinken ein wiederholungstraum meiner kindheit der mir wohl offensichtlich etwas sagen wollte etwas beibringen aus meinem unbewussten seelengrund vollzog sich im schwimmbad wo ich aus unerklärbarem grund und ohne angst zu verspüren auf den grund sank und ertrank
und dann wunderte ich mich im schlaf im traum der an der stelle vermutlich etwas luzider wurde dass man nach dem ertrinken so gut und tief atmen konnte damit hatte ich in meinem kinderverstand nicht gerechnet aber was erfasst schon der verstand der verstand ist ein schwamm unser herz ein strom sagt khalil gibran und fragt ist es nicht seltsam dass die meisten von uns lieber das saugen wählen als sich zu ergießen
nein das ist gar nicht seltsam
das ergießen macht ja angst
wohin ergießen wir uns denn
das hieße ja loslassen wir wollen doch lieber kontrolle haben schwimmen lernen oberwasser haben
wasser unterm kiel
nicht kieloben treiben wie die ertrunkenen im mittelmeer dreißigtausend in den letzten jahren es ist höchstwahrscheinlich dass die das nicht lustig fanden und sich nicht anschließend über tiefen atem freuten vermutlich sind sie aus dem bösen traum auch nicht erwacht wären sie lebend wieder aufgetaucht hätten sie vermutlich eher dem taucher von schiller zugestimmt der sagt in der tiefe aber ist‘s fürchterlich und der mensch versuche die götter nicht und begehre nimmer und nimmer zu schauen was sie gnädig bedecken mit nacht und grauen wobei der taucher ja gar nicht zum schauen da runter getaucht ist sondern aus reiner goldgier habsucht ehrsucht und um als held dem grimmen könig den goldenen kelch den der willkürlich und bösartig in den schlund des meeres geworfen hat wieder zu bringen aber das grauen das er sieht ist wohl nicht grauenvoll genug die sehnsucht nach mehr treibt ihn wieder hinunter die sehnsucht die schöne königstochter zu bekommen aber der schlund behält ihn
dreißgtausend in sagen wir fünf jahren
das heißt an jedem tag sechzehneinhalb menschen die mit hoffnung auf ein besseres leben aufgebrochen sind und von denen meist nur schwimmwesten wieder auftauchen wenn überhaupt der tausendfache tod im mittelmeer ist gewohnheit geworden und löst keine kollektiven gefühle mehr aus wie jetzt corona
bei einem vierzehnjährigen aus mali der tot wieder aufgetaucht ist wurde in die jackentasche eingenäht sein schulzeugnis gefunden in arabisch und französisch wohl weil er hoffte arbeit und ausbildung zu finden auch seine familie die ihn in ein besseres leben geschickt hat und zurückgeblieben ist hoffte das ganz sicher zwanzigtausend teile von dreihundert geborgenen leichen nach der großen bootskatastrophe zweitausenddreizehn wurden archiviert für die medien keine meldung wert
schwamm drüber
wir wollen es nicht mehr hören
wann würdigen wir die namenlosen toten als wären sie unsere eigenen desertifikation als fluchtursache pakistan ein land trocknet aus in einigen ländern afrikas darunter äthiopien und somalia hat anhaltende trockenheit die lebensgrundlage zahlreicher menschen zerstört und zu einer hungersnot geführt zugang zu sauberem trinkwasser ist ein menschenrecht
wenn alle brünnlein fließen so muss man trinken
ja in europäischen shoppingmalls fließen springbrünnlein es geht um leben und tod nichts weniger eines schickt sich nicht für alle sieh ein jeder wie ers treibe sieh ein jeder wo er bleibe und wer steht dass er nicht falle
Die kalten winde bliesen mir grad ins angesicht der hut flog mir vom kopfe ich wendete mich nicht ich wendete mich nicht ich wendete mich nicht
Denn seine zweige rauschten als riefen sie mir zu komm her hier findst du deine ruh‘
hier findst du deine ruh‘
sieh ein jeder wie ers treibe sieh ein jeder wo er bleibe und wer steht dass er nicht falle
knapp siebenhundert jahre alt wurde die linde über die der lyriker wilhelm müller das von schubert vertonte gedicht geschrieben hat bevor sie fiel fünfzig namenlose vierzehnjährige mit süßen hoffnungen und auch bösen träumen hätte sie nacheinander aufwachsen sehen können in ihrer lebenszeit vierzehnjährige mit eingenähten zeugnissen oder einem säckchen heimaterde im rucksack die wandern mussten vorbei in tiefer nacht und den ruf der zweige hörten komm her zu mir geselle hier findst du deine ruh doch denen bliesen weiterhin die kalten winde ins gesicht und die letzte ruhestätte hätte kein zeugnis in französisch und arabisch erfordert
die alten linden in deutschland haben namen sie heißen sturmius-linde oder forster linde oder priorlinde wir orientieren uns an namen identitäten begriffen mit denen wir unterschiede benennen besonderheiten unser verstand saugt während unser herz sich doch ergießen könnte ist das nicht seltsam dass wir immer und immer wieder das saugen wählen…
am brunnen vor dem tore da steht ein lindenbaum ich träumt in seinem schatten so manchen süßen traum ja durchaus auch süße träume sonst wäre es nicht auszuhalten